historisches Fechten
Unsere Gruppe ist entstanden mit dem Hintergrund der Rekonstruktion historischer Fechttechniken (Historische Europäische Kampfkünste HEMA, “historischer Schwertkampf”).
In den zehn Jahren seit unserer Vereinsgründung hat sich viel verändert. HEMA ist nach wie vor eine kleine Minderheiten-Sportart, und nicht alle, die sich dafür interessieren, werden in ihrer näheren Umgebung eine Trainingsmöglichkeit finden. Aber inzwischen bieten grosse Hersteller von Fechtsportartikeln (Sportfechten) spezialisierte HEMA-Ausrüstung an (Allstar, PBT Fencing), gute Übungswaffen können ab der Stange bestellt werden, und umfangreiche Literatur ist im Druck und online problemlos erhältlich.
In verschiedenen europäischen Ländern haben sich Sportverbände für HEMA gebildet, Pioniere waren die Österreicher (2003). Aus Österreich kommen seit 2010 auch Bestrebungen nach einem internationalen Verband, der zwar noch nicht besteht, der aber antizipiert wird durch die Gründung anderer nationaler Verbände, so in Polen, Frankreich und Schweden.
In vielen Vereinen in Europa wird HEMA auf ernsthaftem Niveau als Kampfkunst und Kampfsport trainiert.
Die Schweiz bleibt diesbezüglich noch etwas ein Entwicklungsland: zwar trainieren wir ernsthaft, aber in verstreuten kleinen Gruppen. Ein erster Schritt in Richtung bessere Organisation, mehr Austausch auch zwischen den Sprachregionen, und damit auch höherer Bekanntheitsgrad und breiteres Interesse wurde 2011 mit dem ersten ““Swiss-Gathering” gemacht.
Historisch, also frühneuhochdeutsch, war der Begriff für Kampfkunst “die Kunst des Fechtens” (damals hiess Kunst noch “etwas, dass man lernt und dann kann“, und fechten hiess einfach “kämpfen”, vgl. Gefecht). Die Einschränkung des Begriffs “Fechten” auf eine Sportart, von “Fechten auf Hieb und Stoss” hat erst im 20. Jh., etwa in den 1920er bis 1930er Jahren, stattgefunden, unter dem Einfluss der Turnerbewegung und der Einführung von “olympischem Fechten” 1896).
“Fechtkunst” heisst in unserem “historisierenden” Verständnis also soviel wie “kämpfen können”, neudeutsch martial art. “HEMA” ist der angelsächsische Ausdruck, “Historical European Martial Arts”, der sich um 2000 in den USA einbürgerte und seither zu uns gekommen ist; die Frankophonen übersetzen ihn als “AMHE”, also Arts Martiaux Historiques Européens. Deutsch wäre das HEKK (“Historische Europäische Kampfkünste”) aber das wird nur selten so abgekürzt; im deutschen und slawischen Sprachgebrauch scheint sich einfach das angelsächsische Kürzel HEMA durchzusetzen.
Geschichte
Im folgenden ein kurzer Überblick über diese Disziplin geben. einen kurzen Abriss der historischen Zusammenhänge bietet auch das (seinerseits bereits historische) Handout zu einem Workshop:
Für das frühe Mittelalter sind wir zur Rekonstruktion von Kampftechniken auf dramatische Schilderungen (isländische Sagas) und auf bildliche Darstellungen angewiesen (z.B. der Utrecht Psalter, der “Goldene Psalter” von St. Gallen, der Bayeux-“Teppich” usw.).

Auch aus dem Hochmittelalter kennen wir Kampftechnik und Ausrüstung hauptsächlich aus Bildquellen (Maciejowski-Bibel, Manesse-Handschrift). Die sogenannten “Fechtbücher”, eigentliche Anleitungen in verschiedenen Kampftechniken, kommen erst mit dem Spätmittelalter im Mode. Eine Ausnahme ist möglicherweise das “Tower-Fechtbuch”
(MS I.33), vermutlich verfasst von einem Mönch Liutger; es wurde zwischen 1290 und 1350 datiert und kann wohl noch dem Hochmittelalter zugerechnet werden. Es unterrichtet ausschliesslich den Kampf mit Schwert und Faustschild (Buckler). Wir präsentieren eine detailliertere Beschreibung und eine Übersetzung:
- Fechtbuch des Liutger (MS I.33)

Die nächsten Fechtbücher erscheinen erst ab dem späten 14. Jh. mit Beschreibungen der Technik des Meister Liechtenauer. Von Liechtenauer selber sind keine Schriften erhalten, aber verschiedene Manuskripte berufen sich auf ihn, als erstes zwischen allerlei Rezepten und Beschwörungsformeln das dem Pfaff Doebringer zugeschriebene (unbebilderte) die Nürnberger Handschrift MS 3227a (früher dem Pfaffen Hanko Doebringer zugeschrieben; Doebringer ist aber nur einer (neben Andres Jud, Jost von der Nissen und Niclas Preuss) der zusätzlich, als Liechtenauer unterlegen erwähnten Fechtmeister). Schon Liechtenauer gibt einen Ratschlag, den sich jeder Schaufechter besonders zu herzen nehmen sollte,

“Haw nicht an swerte zonder stets der blosze werte.”
Im 15. Jh. geben dann die illustrierten Fechtbücher von Talhoffer und anderen ein viel klareres Bild der Techniken.
- Fechtbuch von Talhoffer 1459 (mit Transkription) (Thott 290 2)
Das Schwert hat sich in dieser Zeit schon deutlich von der mittelalterlichen Hiebwaffe wegentwickelt, ein Prozess, der vom einhändig geführten Schwert über das Rapier ins moderne Sportfechten mündet; das zweihändig geführte Langschwert überschreitet seinen Zenit im 15. Jh. und endet im 16. Jh. als Prunk- und Prahlwaffe im riesigen Bidenhänder der "Doppelsöldner".

Die ausführlichsten Fechtbücher werden aber im 16. Jh. zusammengestellt, auf der Grundlage älterer Handschriften, und im Umfeld der Fechtbruderschaften. Von Paulus Hector Mair (ca. 1517-1579) sind sieben Bände mit Fechtanleitungen erhalten.
In den 1990er Jahren erlebte die Rekonstruktion der alten Fechttechniken einen Aufschwung, und seit einigen Jahren erscheinen zunehmend gefestigte Interpretationen, als Beispiel sei die “Langes Schwert” DVD von Ochs erwähnt. Vereine, die diese als Sportart oder Kampfkunst trainieren sind lose unter HEMAC gruppiert (welche auch jährlich ein internationales Treffen in Dijon organisiert).